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Anpassung ums Überleben

"Passt euch an!" - ist der provokative Titel der diesjährigen Fachtagung des Deutschen Fachverbands für Psychodrama (DFP), in dessen Vorstand ich aktiv bin. Dieser Titel hat schon für Kritik, Irritationen und  etwas Unverständnis gesorgt. Ehrlich gesagt fand ich ihn anfangs auch etwas irritierend, aber das Nachdenken über die unterschiedlichen Konnotationen des Wortes Anpassung hat mich zu interessanten Ansichten gebracht. 

Die erste Assoziation zu Anpassung mag Unterordnung sein, eine Aufforderung irgendeiner autoritären Instanz oder gesellschaftlichen Norm, die uns diktieren möchte, wie wir zu sein und uns zu verhalten haben. In diesem Sinne ist "Passt euch an!" zum Beispiel die Botschaft, die den politischen Diskurs rund um das Thema Migration und Integration prägt. Anpassung als Ablegen der eigenen Identität, um sich der "Gastgeberkultur" zu verschreiben. Anpassung ist aber auch die Devise, wenn es um Standardisierung um jeden Preis geht. Messbare Ziele als Maßstab für die Beurteilung von Menschen im Namen einer Vereinfachung der Komplexität der menschlichen Natur. Schule dürfte hier als Assoziation nicht zu weit hergeholt sein, aber auch Leistungsbeurteilungen am Arbeitsplatz funktionieren nach dem Motto: Pass dich an! Pass dich an Standards an, die jemand sich für dich ausgedacht hat und mache sie zu deinen Zielen und messbaren Ergebnissen. So weit zu den Aspekten des Wortes Anpassung als eine Aufforderung und Vorgabe von außen an das einzelne Individuum. Aber wir können auch entscheiden uns anzupassen, weil es der bequemere Weg ist. Wir können entscheiden, den einfachen Antworten und Versprechen gewisser politischen Richtungen zu glauben ohne diese kritisch zu hinterfragen. Wir können vor der Komplexität unserer Welt die Augen verschließen und mit dem Mainstream (oder dem, was unsere "Bubble" glauben lässt, es sei Mainstream) mitgehen. Wir können so den Bildern von Gaza als Urlaubsressort glauben und uns selbst einreden, dass Trump es mit den Palästinensern gut meint. Denn unsere Wahrheit stellen wir uns selbst zusammen. Anpassung in diesen Bedeutungsinterpretationen dürfte, wenn halbwegs reflektiert, für niemanden wirklich attraktiv und wünschenswert sein. Die Provokation im Titel besteht eben darin, dass es uns dazu bringt zu hinterfragen, wie oft wir uns im negativen Sinn anpassen (müssen). 

 

Unsere Hypothese ist aber, dass Anpassung vielschichtige Bedeutungen hat und sich neuinterpretiert als zentrales Konzept für unser Überleben und unsere soziale Verantwortung entpuppen kann. In diesem Sinne steht sie dem grenzenlosen Individualismus gegenüber, der in den letzten Jahrzehnten in unserer westlichen Gesellschaft als Lebensmodell propagiert wurde. Anpassung statt grenzenloser individueller Freiheit ohne Rücksicht auf Verluste. Anpassung als Reaktion aus der Perspektive des Gemeinwohls, wenn wir nicht allein unser Selbst in die Mitte unseres Handelns stellen, sondern eine erweiterte Sicht einnehmen, die unser soziales Umfeld und die Zukunft mit einbezieht. Anpassung als Reframing der individuellen Freiheit, die in ihren sozialen und ökologischen Kontext gesetzt wird.

Aus diesem Blickwinkel wird die Idee von Anpassung zu einer gemäßigten Lebenseinstellung, einer solidarischen und kooperativen Art zu leben. Inmitten der Herausforderungen und Krisen unserer Zeit könnte genau dieses Konzept von Anpassung uns neue Perspektiven und Ansätze aufzeigen. Aus dieser Perspektive werden viele Fragen aufgeworfen, die in der Fachtagung in Coesfeld am 7.-8. November in Workshops, Aktivitäten und Räumen der Reflexion und des Austausches bearbeitet und vielleicht im Ansatz beantwortet werden:

 

- Wo stehen wir im Dilemma zwischen persönlicher Freiheit und kollektiver Verantwortung?

- Wie kann Erfolg neu definiert werden, wenn das Modell des unendlichen Wachstums nicht mehr haltbar ist und auf Kosten des Planeten und des sozialen Friedens geht?

- Wie finden wir alternative Zukunftsstrategien? Wie soll es weitergehen, wenn es so nicht mehr weitergeht?

- Wie gehen wir damit um, wenn wir die Grenzen unserer Anpassung an bestehenden Modellen und Strukturen erreichen?

- Was kann die Einschränkung unseres Konsumverhaltens bewirken? Trägt sie möglicherweise zu einem glücklicheren Leben bei?

- Welche (neue) Verhaltensweisen fördern soziale Harmonie und ökologische Verantwortung?

- Wie viel Anpassung ist bei Integration notwendig und wie viel der eigenen Kultur kann und soll beibehalten werden?

- Welche Formen von Anpassung sind notwendig und sinnvoll? Wie können wir individuell und kollektiv eine Balance finden?

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Ich wäre keine Psychodramatikerin, wenn ich nicht glauben würde, dass Kreativität der Schlüssel jeglicher Veränderung ist und dass Menschen gemeinsam unheimlich viel Bewegen können. Die Idee von Moreno war schließlich die einer sozialen Erneuerung, einer therapeutischen Gesellschaft. Vielleicht ist die geballte kreative Energie, wo Menschen mit gemeinsamen Fragen und Wünschen zusammen kommen, eine mögliche Therapie für diese kranke Welt. Mit unserer Fachtagung wollen wir einen Schritt in diese Richtung gehen.

 

2 Anmerkungen zum Schluss:

*Zur Entstehung des Titels "Passt euch an! Who shall survive" geht ein Dank an meinen Kollegen @Uwe Reineck, der in der Planungsgruppe den entscheidenden Impuls zur Wahl der Formulierung gab.

*Eine Literaturempfehlung zum Thema nachhaltige Lebensweise und Wege zu einem blühenden Leben ist das Buch von @Orsola Lelkes "Nachhaltiger Hedonismus", der seit kurzem in deutscher Übersetzung erschienen ist. Kleiner Spoiler: Orsola Lelkes wird bei unserer Tagung einen Workshop halten und ihr Buch vorstellen.

 

Was für Fragen stellen sich bei dir zum Thema Anpassung? Ich freue mich auf Resonanzen und Rückmeldungen. Oder vielleicht hast du Lust, dich für die Fachtagung im November anzumelden? >  Für mehr Infos und Anmeldungen wende dich an diese e-Mail Adresse

 

 

 

 

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